28.10.2016

LEANDRO CASTRO INTERVIEW: SVEN MARQUARDT

Sven Marquardt | Porträt: Vincenzo Laera

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PROFIL
NAME: Sven Marquardt 
GEBOREN: 1962
BERUF: Fotograf und Berghain-Türsteher
WOHNORT: Berlin, Deutschland 


Wer ist Sven Marquardt?


TU WAS DU WILLST! Auch wenn ich in meiner Jugend oftmals, nicht einmal das wusste...Ich wusste immer, was ich nicht will / nicht tun möchte. Ob diese Verweigerung seinen Ursprung hatte, in einer Diktatur aufgewachsen zu sein?! Oder in den Vorgaben, einer wohl behüteten Kindheit / eines liebevollen Elternhauses?! Oder einfach aus dem NO FUTURE Gefühl, der wilden Punk & New Wave Jahre der Achtziger Jahre Ost-Berlins entstand...?! Aus heutiger Sicht ziemlich egal, denn es hat für mich ganz gut funktioniert...Bis heute. TU WAS DU WILLST!


Wollten Sie immer Fotograf werden?


Nein! Man musste in Ostdeutschland nach dem Schulabschluss einen Beruf erlernen. So erlernte ich zufällig das Fotografenhandwerk. Erst Jahre später / Anfang der Achtziger Jahre, wurde die Kamera zum Stilmittel meines Lebensgefühls. So ist das bis heute geblieben .


Wie persönlich ist Ihre Fotografie?


Natürlich sind meine Bilder sehr sehr persönlich. Aber wenn man ausschließlich Menschen fotografiert, gebührt der Augenblick, in dem man auf den Auslöser drückt, ja ebenso den Protagonisten und wie weit man bereit ist, sich auf den anderen einzulassen?! Dabei kann aber auch eine spürbare Distanz, ein sehr spannender Moment sein.


Woher bekommen Sie Ihre Inspiration?


DAS LEBEN AN SICH ?! Klingt bestimmt irgendwie pathetisch?! Es gab Jahre in denen Filme, eine starke Inspiration ausübten?! Musik?! Freunde?! Kollegen?! Andere kreative Menschen / Wegbegleiter, können ebenso irgendwann zu meiner Inspiration werden? Da gibt es so unendlich viel. DAS LEBEN AN SICH...

"Zukünftig vergangen" - 2004 | Foto von Sven Marquardt.


Haben Sie immer Ihre Kamera dabei?


Ich habe nie eine Kamera dabei! Nur eben dann, wenn ein Shooting ansteht und meine Shootings finden ja ausschließlich in Berlin und Umgebung statt.  Auf meinen Reisen knipse ich mit dem iPhone ein paar Skizzen, so eine Art Tagebuch, ausschließlich für mich ganz privat.  Vor 2 Wochen auf den Philippinen, es war die erste meiner Reisen, auf der ich meine Kamera eingepackt hatte. Ich war mit Hardy unterwegs, meinem Assistenten, und tatsächlich entdeckten wir eine großartige Kulisse und ich hab dann dort Hardy fotografiert, der schon einige Male vor meiner Kamera stand. Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Der Beginn einer neuen Zeit? Wer weiß!?


Sammeln Sie Selbst Kunst?


NEIN! In meiner Wohnung hängen zahlreiche Marquardt Bilder, aus verschiedenen Epochen, die wechseln manchmal auch und dann gibt es da noch ein paar Bilder befreundeter Fotografen, die ich mir irgendwann mal gewünscht habe.
Mehr nicht.


Wie kommt man nach 'Berghain' ? Gibt es einen Code dafür?


Irgendwie hoffe ich, vor jedem Interview, dass diese Frage / dieses Mal nicht dabei ist?! 
Aber auch dieses Mal...Weit gefehlt!

"Zukünftig vergangen" - 2007 | Foto von Sven Marquardt.


Wie würden Sie die 'Berghain-Geher' beschreiben ?


Inspiration!


Ist Berlin Ihre Stadt ? Und wenn ja, warum?


Ich bin in Berlin geboren und auch wenn es sich in den letzten Jahren manchmal so anfühlt, als wäre ich der EINZIGE, der hier seinen Ursprung hat?! Berlin war immer ebenso Inspiration für mich und ich liebe auch das NEUE Berlin, seine Vielfalt und Internationalität. Berlin meine Basis, meine Heimat...Zu HAUSE !


Sind Sie eine Person mit der man gut zusammenleben kann?


Vielleicht wäre es besser, dies mein Umfeld zu fragen?! Und bestimmt war es auch nicht immer einfach mit mir?! Aber mit wem ist es das schon? Wer kann das von sich behaupten? Ich habe es mir selbst auch stets nicht so ganz einfach gemacht. Es fühlt sich in den letzten Jahren so an, als wäre ich ziemlich nah bei mir angekommen ?! Ohne das Gefühl von Stillstand zu haben. Es fühlt sich gut an...Ganz bei mir selbst!?

"Zukünftig vergangen" - 2008 | Foto von Sven Marquardt.


Beschreiben Sie Ihren Stil in drei Worten.


AUTONOM / GEGENSÄTZLICH / KRIEGERISCH.


Was ist Ihre Lieblingsfarbe?


Schwarz und weiß.


Welches Buch lesen Sie im Moment?


Derzeit lese ich wenig Bücher.

"Zukünftig vergangen" - 2007 | Foto von Sven Marquardt.


Welchen Film würden Sie als Ihren Lieblingsfilm aller Zeiten nennen?


"In einem Jahr mit 13 Monden" von Rainer Werner Fassbinder.


Können Sie mir einen Künstler nennen, den Sie bewundern?


Robert Mapplethorpe. Als ich Anfang der Achtziger Jahre Bilder von ihm sah, das hat wohl mein Leben verändert. 


Was bedeutet Kunst für Sie bzw. was ist Kunst für Sie?


Ich mag irgendwie schon den Begriff KÜNSTLER überhaupt nicht, bezeichne mich selbst stets immer als Fotograf. Auf Kunstmessen fühle ich mich meist nach kurzer Zeit unwohl!? Diese ganzen aufgeblasenen Egos unter einem Dach & dann noch meins? Irgendwas ist dann dort zuviel?!
Kunst muss mich berühren, provozieren, verstören, verzaubern, aufwühlen, sanft stimmen.

"Zukünftig vergangen" - 2009 | Foto von Sven Marquardt.


Welche Musik hören Sie im Moment?


"I don't love you anymore" / Anohni. 


Welche Eigenschaften an Ihnen mögen Sie nicht?


No regrets.


Welche Wörter benutzen Sie ständig?


Ohne Oberfläche keine Tiefe.


Die letzte Frage: Wo würden Sie im Moment am liebsten sein?


Ich habe in den letzten Jahren auf meinen Reisen so viel von der Welt sehen dürfen. Dafür bin ich unendlich dankbar und dabei musste ich FREIHEIT auch erst lernen, die gewohnten Dinge und Umgebungen loszulassen.
Auf den Reisen wird einem wieder und wieder die eigene Endlichkeit bewusst und das ermahnt zur Bescheidenheit. Wenn eines Tages für einen selbst alles zu Ende ist, dass nichts still stehen wird, außer das eigene Herz, das alles und überall auf der Welt so weitergehen wird!? Und das ist verdammt gut so. Ich bin grad in Berlin, ein Spätsommer Morgen und ich liebe dieses Licht da draußen und bin glücklich über diesen Tag.

"Zukünftig vergangen" - 2011 | Foto von Sven Marquardt.


Vielen Dank,  Sven Marquardt!

Leandro Castro